Der naïve Glaube an unsere Menschlichkeit

Text: Sabrina

„Naiv“ nennt Andrea Geissbühler Frauen, die fremde Männer mit nach Hause nehmen, und sich dann wundern, dass sie vergewaltigt werden. Und damit fasst sie Rape Culture, die Vergewaltigungskultur, in der wir uns bewegen, die das Opfer fragt, was es denn anhatte, anstatt den Täter zur Rechenschaft zu ziehen, konzis zusammen.

Naiv sind wir, die wir glauben, wir hätten das Recht auf körperliche Unversehrtheit, nur, weil das in der Bundesverfassung, Artikel 10, Absatz 2, so steht. Naiv, die wir denken, unsere Autonomie, unser Wille, unsere Handlungskompetenz seien zu respektieren. Naiv, die wir denken, wir hätten das Recht, die gleichen Räume in Anspruch zu nehmen wie Männer. 

Dann kommen die Analogien. Die, vom nicht abgeschlossenen Fahrrad, das man am HB hat stehen lassen, und sich drum nicht wundern muss, wenn es weg ist. Das liegengelassene Portemonnaie, den zur Schau gestellten Schmuck. All die Gelegenheit, die Diebe macht. Und so sehen wir uns einmal mehr reduziert, zu Dingen, Gebrauchsgegenständen, die – wenn sich die Gelegenheit bietet – eben gebraucht werden. Wir sind Objekte, ohne Seele, ohne Leben, ohne Menschlichkeit. 

Menschen, das sind nur die Männer, und bei ihnen liegt die gesamte Handlungsfähigkeit in so einer Situation. Sie drehen also den Daumen nach oben oder nach unten, wie es ihnen in diesem Moment beliebt, entscheiden, mal eben zu vergewaltigen, egal wie sehr sich das Objekt widersetzt. Wo bleibt der Aufschrei der Männer? Hier, wo ihnen unterstellt wird, dass keine Frau ihnen jemals vertrauen darf, dass sie weniger Selbstbeherrschung haben als die meisten Hunde? Dass sie, wenn sich ihnen die Gelegenheit bietet, auf jeden Fall, grundsätzlich, Gewalt anwenden werden, weil auch sie, grundsätzlich, nicht fähig sind, Frauen als Menschen zu sehen? 

Denn das ist das Perfide an der Rape Culture; sie raubt uns alle unserer Menschlichkeit. Dass eine Nationalrätin, die überdies noch Polizistin ist – sollen Opfer sich so einer Person anvertrauen? – diese Kultur der Entmenschlichung öffentlich zelebriert, und nichts Schlimmes darin sieht, zeigt uns, wie weit der Weg noch ist. Und gehen müssen wir ihn zwingend zusammen, Männer und Frauen. Zusammen, als Menschen. 

 

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