We bleed - so what?

Die Tage, der “Besuch vom Tante Rösli”, Erdbeerzeit, der rote Teufel, die Regel, Frau Rosa – Die Liste für “lustige” oder “kreative” Namen für die Menstruation bei Frauen* liesse sich beliebig fortsetzen. Ebenso vielseitig und vielschichtig ist die Diskussion um das wiederkehrende Bluten. Sehr oft wird diese mit einem genervten, mitleidigen, angeekelten oder einfach hinnehmenden Ton geführt. Wir finden nicht, dass diese Diskussionen müssig sind. Warum und was wir mit unserer Aktion erreichen wollen soll dieser Text erklären.

WC-Papier laut, Tampon leise

Junge Mädchen* aus aller Welt stellen auf Internetforen verschiedenste Fragen, die davon zeugen, wie wenig die (cis-) weibliche Biologie, Pubertät und Sexualität und damit die Menstruation thematisiert werden. Darüber hinaus ist so gut wie nie die Rede von Mädchen* und Frauen*, die nicht menstruieren können.

Die laut und direkt gestellte Frage nach einem Tampon oder einer Binde getrauen sich die wenigsten. Eine kleine nicht-repräsentative Umfrage in Zürich bei 20-40 Jährigen hat gezeigt, dass die Mädchen* und Frauen* zwar durchaus laut und ungehemmt nach WC-Papier oder Taschentüchern fragen, allerdings oft nur flüsternd und hinter vorgehaltener Hand nach Tampons.

Instagram hat letztes Jahr das Foto einer jungen Kanadierin entfernt mit der Begründung, es verstosse gegen die Nutzungsbedingungen. Das Bild zeigte ihren komplett angezogenen Körper mit einem Menstruationsfleck auf der Hose. Die Menstruation soll möglichst unsichtbar, möglichst “sauber und diskret” (Zitat aus O.B. Werbung von 1996) ablaufen; also möglichst so, dass es das Bild von schönen, guten, sauberen Frauen* nicht stört.

Dieses Bild ist Produkt einer Weltanschauung, die vor heterosexueller cis-Männlichkeit nur so strotzt, welche gesamtgesellschaftlich getragen wird. Der Imperativ ist klar: Seid stehts hübsch, stets lächelnd, stark aber nicht zickig, gebildet aber nicht zu klug und emanzipiert, willig aber treu ergeben, und: seid rein und stört uns nicht mit eurem Geblute.

Angst vor Kontrollverlust

Elonë Kastratia, eine deutsche Feministin und Künstlerin, schreibt: „Imagine if men were as disgusted with rape as they are with periods”, und bringt damit einen weiteren zentralen Aspekt um die Periode auf den Punkt. In der ganzen Diskussion über die Tabuisierung und das Unsichtbarmachen der Menstruation geht es auch um die Selbstbestimmtheit über den eigenen Körper und die Sexualität der Frauen*. 

Die meisten Frauen* können, sollen und müssen reproduzieren. Dazu gehören nicht nur das Austragen und Stillen von Kindern. Unser gegenwärtiges System stützt die ungleiche Verteilung von privaten Familientätigkeiten wie Pflege, Haushalt oder Erziehung zulasten der Frauen*. Um zu funktionieren braucht es diese Aufteilung und das Mitspielen der Frauen*.

Die Stigmatisierung der Periode und des Menstruationsblutes ist genauso wie viele andere Aspekte der patriarchalen Weltordung ein Mittel, die Kontrolle über die Reproduktionsfähigkeit zu behalten. Das heisst: Aus oben genannten Gründen läge die Kontrolle über die Fortpflanzung stärker bei Frauen, was der Logik des patriarchalen System widerspricht. Damit diese Kontrolle erhalten werden kann, werden Themen der nicht-hetero, nicht-cis-männlichen Sexualität und so eben auch die Menstruation verdrängt und als eklig hingestellt.

Cis-Männer haben sich historisch Strukturen und einen fast allesumspannenden Raum geschaffen, in dem “Nicht-Entsprechendes” (realtiv zu ihnen gesehen) eben nicht “normal” ist, irgendwie “eklig”, “komisch” oder einfach anders und darum falsch. Das verunsichert. Wie hat Frau* “richtig” Sex? Wie hat Frau* richtig mit ihrem Körper und ihrer Sexualität umzugehen? In diesem Raum, dem privaten wie auch dem öffentlichen, haben sie so immer noch weitreichend uneingeschränkt Zugriff auf die Körper und den Sex von Frauen*. Wie Elonë Kastratia sagt, wird dieser Zugriff in den bestehenden Strukturen nicht als etwas so ekelhaftes empfunden wie die Menstruation. Höchstens vielleicht, wenn es um “eigene” Frauen* geht, die es zu schützen gilt.

Darum fordern wir das vermehrte Sichtbarmachen der Menstruation und einen offenen Umgang mit der nicht-cis-männlichen Sexualität. Wir fordern aber auch eine Arbeitszeitverkürzung und ganz konkret auch eine bezahlte Elternzeit, die von beiden Eltern bezogen werden muss. Solche Massnahmen würden ebenfalls helfen, die Rollenbilder aufzubrechen, diese strukturelle Ungleichheit zu untergraben und allen die Möglichkeit geben, ihre Familienplanung selbstbestimmter und freier zu gestalten.

Die pinke Industrie

Ein weiterer Aspekt, den unsere Aktion beleuchten soll, ist die Industrie, die den Frauen* Medikamente, aber auch Kosmetika und Hygieneprodukte zu unverhältnismässig teuren Preisen verkauft.  Dazu kommt: Die Mehrwertsteuer bei Tampons und anderen Artikeln, die Frau* während ihrer Menstruation braucht, ist aus für uns nicht erklärbaren Gründen bei 8% angesetzt und nicht wie bei anderen Produkten des alltäglichen Verbrauchs bei 2.5%. Natürlich wissen wir, dass diese 8% MwSt auch für andere Artikel gelten, und das muss ebenfalls thematisiert werden, ist hier aber nicht der Fokus. 

Diese Industrie macht sich die Unwissenheit über hormonelle Vorgänge im Körper vieler Frauen* und auch das gesellschaftliche Tabuthema Menstruation an sich zu Nutze. Seitens dieser Industrie besteht kein Interesse, die Menstruation zu enttabuisieren und ihre Natürlichkeit ernsthaft Gegenstand einer offenen Diskussion zu machen. So können mehr hormonelle Verhütungsmittel (z.B. die Anti-Baby-Pille) verkauft werden, welche die Periode schwächen oder gar aussetzen lassen. Das gilt ebenso für alle Hygieneartikel, die garantieren, die Periode von aussen komplett unbemerkt über die Bühne gehen zu lassen (siehe die Werbeslogans zu diesen Produkten). Uns nervt, dass zum Beispiel das ziemlich weit verbreitete toxische Schock-Syndrom, das sehr häufig als Folge von Tampongebrauch auftritt, so selten thematisiert wird. Ebenso wenig werden die von der Pharma-Industrie präsentierten Resultate der wissenschaftlichen Forschung über Neben- und Langzeitwirkungen der Pille ernsthaft hinterfragt. Dass diese Resultate mit Vorsicht zu geniessen sind, zeigen leider immer wieder tragische Fälle, bei denen Nebenwirkungen von solchen Präparaten schlimme gesundheitliche Folgen nach sich zogen.

Über die Ausgaben hinaus, die nicht nur menstruierende Frauen* zu tätigen haben, kommt Gender-Pricing und die sogenannte “Pink Tax”. Ersteres heisst, dass äquivalente Produkte wie Rasierer, Parfums, Cremes etc. bedeutend teurer sind, wenn sie an Frauen* verkauft werden sollen. Ist das Produkt pink, schlag Marge drauf, scheint die Regel zu lauten. Die Hersteller*innen dieser Produkte begründen dies gerne damit, dass mehr für Werbung, die Frauen* adressiert, ausgegeben wird. Frauen* seien auch einfach lieber bereit, mehr für Hygieneartikel und Kosmetika zu bezahlen. Sind wir?

Menstruation als Privileg

An dieser Stelle möchten wir festhalten, dass es etliche Frauen* gibt, die aus verschiedensten Gründen nicht menstruieren (können). Unsere Aktion und Botschaft soll auf keinen Fall diese Frauen* ausschliessen, sondern auch thematisieren, dass eine Periode zu haben, die zudem noch schmerzfrei und ertragbar vonstatten geht, in unseren Augen ein Privileg ist. Wir definieren Weiblichkeit nicht durch Menstruation und wollen auch nicht diesen Anschein erwecken. Wie oben erwähnt, erachten wir den Charakter der Menstruation in ihrer Unsichtbarkeit stellvertretend auch für andere feministische Anliegen als wichtig.

Unsere Vorkämpferinnen der zweiten Welle des Feminismus kämpften noch dafür, die Pille zu erhalten und mit dem Tampon die Monatsblutung in den Griff zu bekommen, um möglichst mit den Männern* mithalten und einer Arbeit nachgehen zu können. Wir sind indes der Meinung, dass es heute eine kritische Auseinandersetzung mit den verschiedenen Geschlechtern im Allgemeinen braucht. Und zwar mit Allem, was dazugehört und vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen, in denen wir leben. Statt uns einem Männlichkeitsbild anzupassen um “selbstständig” und “selbstbestimmt” sein zu können, wollen wir so akzeptiert werden wie wir sind: Als Frauen, als Individuen, als Falschsexuelle, als Transmenschen, als Queers.

Mut zum eigenen Körper

Mit Fragen und Diskussionen hinter vorgehaltener Hand reproduzieren wir die bestehenden gesellschaftlichen Ansichten und Normen, in denen ein lebensnotwendiger und komplett natürlichlicher Teil unseres Menschseins keinen Platz hat, obschon er uns alle direkt oder indirekt betrifft. Für einen offenen Umgang mit dem Thema der Menstruation und um unseren Forderungen nach einer selbstbestimmten Sexualität Ausdruck und Gehör zu verschaffen, haben wir heute in Zürich ein Zeichen gesetzt. Aber auch, um allen Frauen* Mut zu machen, sich selbst und den eigenen Körper anzunehmen, sich nicht einschränken oder gar unsichtbar machen zu lassen. 

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