Text: Sabrina Ben Salah / Die Gynarchie


Ein kleines Glossar zu Anfang

Pickup Artist, kurz PUA: Ein Mann, der die Techniken gelernt hat, die notwendig seien, um Frauen so zu manipulieren, dass sie Sex mit einem haben.

Men’s Rights Activist, kurz MRA: Ein Mitglied einer Bewegung für Männerrechte, die die Welt so verstehen, dass Männer das unterdrückte und systematisch benachteiligte Geschlecht sind.

Manosphere: Der lose Zusammenschluss von Websites, die die „natürliche Ordnung“, also die Dominanz des Mannes, wiederherstellen wollen.

Feminazi: Feministinnen und andere aufmüpfige Frauen, die auf Gleichstellung beharren.

Political Correctness, kurz PC: Politische Korrektheit schreibt vor, dass man diffamierende Worte nicht mehr benutzen darf. Anstatt „Krüppel“, „Schlampe“ oder „Neger“ sieht man sich in der Folge gezwungen, „Mensch mit Behinderung“, „Frau“ oder „SchwarzeR“ sagen zu müssen, was für den MRA einen nicht zu ertragenden Einschnitt in sein Recht auf freie Meinungsäusserung darstellt.

Doxxing: Die persönlichen Daten einer Person, vor allem der reale Name und die physische Adresse, werden in Erfahrung gebracht und dann im Netz veröffentlicht. Oft geht diese Veröffentlichung mit einem Aufruf einher, die so der Öffentlichkeit preisgegebene Person zu belästigen oder zu bedrohen. 


Roosh V ist nur ein Symptom

Vor zwei Wochen rief Roosh V, ein Pickup Artist und berühmtes Mitglied der Manosphere, zu Treffen von „echten Männern“ in Städten auf der ganzen Welt auf. Sie sollten in männlicher Kameraderie zusammensitzen und sich offen austauschen können, da sie ja in der weiteren Welt ihre Redefreiheit durch die FanatikerInnen der politischen Korrektheit bedroht sehen. Sie wollten sich also in trauter Bruderschaft treffen, um abseits von Feminazis und unserer politisch korrekten Terrorherrschaft echte Männer sein zu können. Schlussendlich sah sich Roosh V aber gezwungen, das Treffen abzusagen, nachdem er „für die Sicherheit der Männer nicht mehr garantieren“ könne, und das, obwohl Unerwünschten schon früh dargelegt wurde, was passiere, falls sie die Treffen stören wollten. So wurden spezifisch Frauen, Homosexuelle und Transsexuelle darauf hingewiesen, dass, sollten sie an diesen Treffpunkten gesichtet werden, die volle Macht der Manosphere auf sie losgelassen würde. Es würden Bilder von ihnen gemacht, und dann ihre persönlichen Daten eruiert und publik gemacht. Diese Praxis, als „doxxing“ bekannt, hat schon häufiger dazu geführt, dass insbesondere Frauen ihren Wohnort verlassen mussten, nachdem sie mit Vergewaltigungs- und Morddrohungen überhäuft worden waren.  Zu Roosh Vs Unbehagen ist ihm das Hacker-Kollektiv Anonymous allerdings zuvorgekommen: sie haben Rooshs Adresse im Netz veröffentlicht, was ihn dazu gebracht hat, aus Angst um seine körperliche Unversehrtheit die Polizei zu rufen. Frau kommt nicht umhin, mit Ironie festzustellen, dass der 36-jährige im Untergeschoss des Hauses seiner Mutter wohnt.

Aber wer ist dieser Roosh V überhaupt? Mit bürgerlichem Namen Daryush Valizadeh, ist er der in den USA geborene Sohn von iranischen und armenischen Einwanderern. Seinen Namen hat er sich durch seinen Blog und seine selbstpublizierten Bücher gemacht. Die Manosphere Website ReturnofKings gehört ihm und ist sein Hauptsprachrohr in Sachen neuer Männlichkeit, also „neomasculinity“. Von sich reden gemacht hat er vor allem durch seinen Blogpost vom Februar letzten Jahres, in dem er einen einfachen Weg vorschlug, um Vergewaltigungen einzudämmen: in dem man Vergewaltigung auf privatem Grund legalisiert, würden Frauen dazu gezwungen, nüchtern zu bleiben, und nicht mit Männern nach Hause zu gehen, die sie nicht gut genug kennen. Es würde Frauen veranlassen, ihren Körper in einem ähnlichen Rahmen zu beschützen, wie ihre Handtasche oder ihr Smartphone.

Wobei wir bei der eigentlichen Problematik angelangt wären: der weibliche Körper wird nach wie vor mit Konsumgütern gleichgestellt. Der grösste Teil der Literatur von Roosh V handelt davon, wie man Frauen dazu bringt, mit einem Sex zu haben. Es geht dabei um Techniken zur Manipulation des Willens der anvisierten Person. Dass eine Frau gegebenenfalls auch auf freiwilliger Basis zum Geschlechtsverkehr bereit wäre, kommt als Prämisse nicht vor. Frauen sind das Objekt, dass es zu besitzen gilt, wenn auch nur temporär. Dies ist freilich nicht ein Konzept, das Roosh V ins Leben gerufen hätte. Seit Jahrzehnten sind Frauen in der Werbung, in Film und Fernsehen, und in der neueren Zeit auch in Videogames alternativ Dekoration für das Auge des männlichen Betrachters, oder Belohnung für den männlichen Protagonisten nach erfüllter Mission. Frauen muss man in diesem Zusammenhang „kriegen“, beziehungsweise „erobern“. Eine eigene Persönlichkeit oder autonomer Antrieb sind bestenfalls Hindernisse auf dem Weg zum Besitzstand, der jedem Mann scheinbar von Natur aus zusteht. In diesem Zusammenhang ist Roosh V nur ein bescheidenes Symptom einer sehr viel grösseren Diskussion. Es ist, wenn man so will, die feministische Urdebatte, mit der wir aber offensichtlich immer noch ganz am Anfang stehen. Feminismus: die radikale Idee, dass Frauen Menschen sind. 

Feminism is the radical notion that woman are people

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