#nomoresilence

"Mir wird kalt vor Ekel"

Text: Tanja


Als vierte und letzte Person setze ich mich in ein Abteil des überfüllten Zuges und telefoniere. Plötzlich habe ich dieses komische Gefühl, dieses Kribbeln, das man nur dann spürt, wenn man beobachtet wird. Ich schaue mich um und mustere die Person mir gegenüber, einen älteren Herren mit Bierbauch, Glatze und – diesem Blick. Einem Blick, der mich irritiert, weil irgendetwas damit nicht stimmt, weil er nicht an diesen Ort passt und ich ihn nicht einordnen kann. Das Gesicht vor Anspannung verzogen, ein schmieriges Grinsen, seine Augen fixieren mich. Ein Blick so lüstern, dass mir kalt wird vor Ekel. Erst jetzt bemerke ich seine Hand, die für jeden sichtbar, den eigenen Schritt streicht und knetet. Er scheint genüsslich meinem Blick zu folgen und zu beobachten wie ich das Gesehene verarbeite und in Fassungslosigkeit erstarre. Sein Grinsen wird noch breiter und er stöhnt leise. Erst als ich aus meinem Telefon höre: „Hallo? Bist du noch dran?“ fahre ich hoch, nehme meine Tasche und rausche in ein anderes Abteil – wortlos. 

Viele Male bin ich geistig in diese Situation zurückgekehrt und habe mir gewünscht ich hätte doch etwas gesagt. Ihn angeschrien, zur Rede gestellt oder angespuckt, Hauptsache irgendwas. Natürlich weiss ich, dass dieser Mensch Hilfe braucht und vermutlich krank ist. Doch ist es nicht genauso krank, dass von den zwei Männern und der einen Frau, die Knie an Knie mit mir im Abteil gesessen hatten angeblich keiner etwas bemerkt, geschweige denn gesagt hatte? Dass in solchen Situationen fast nie jemand etwas sieht, sagt oder tut und man mit seiner Ohnmacht alleine dasteht?

Bis heute versichere ich mich unbewusst bei jedem Mann, der mit mir im Zugabteil sitzt, ob seine Hände auch dort sind, wo sie hingehören. Diese Situation, in der sich ein Mann vor mir in der Öffentlichkeit anfasste, war weder die erste noch die letzte dieser Art, die ich erlebt habe. Als ich später mit ein paar Freundinnen darüber redete, stellte ich fest, dass jede der Anwesenden schon eine ähnliche Erfahrung gemacht hatte. Auch als ich das Thema weiterverfolgte, bemerkte ich, dass diejenigen Frauen, die so etwas noch nie erfahren hatten die Ausnahme bildeten und wir anderen die Regel. Wie kann es sein, dass fast jede Frau einmal im Leben in eine solche Situation gerät, aber niemand darüber redet? 

Von meinem männlichen Umfeld ernte ich mit diesem Thema zwar entschuldigende Blicke und eine gewisse Hilflosigkeit, jedoch keine echte Empörung. Frauen aus älteren Generationen sagen mir, dass es besser sei, solche Männer nicht zur Rede zu stellen und sich ruhig zu verhalten. Am schlimmsten jedoch sind die Leute, die mir das Gefühl geben, dass ich überreagiere, denn „es ist doch nichts passiert“. Doch ich übertreibe nicht. Dieser Blick hat sich für immer in mein Gedächtnis eingebrannt. Der Blick eines Menschen, der bewusst eine Grenze überschreitet und das geniesst. Auch ein Übergriff ohne Berührung, ist ein Übergriff, denn es muss nicht erst „etwas passieren“ damit ich mich wehren darf. No more silence.

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