Vaterschaftsurlaub - kein Luxus, sondern ein Muss

Der Verein «Vaterschaftsurlaub Jetzt!», getragen durch die Organisationen männer.ch, Travail.Suisse, Alliance F und Pro Familia Schweiz, startete Mitte Mai die Unterschriftensammlung zur Vaterschaftsurlaubs-Initiative. Die Initiative fordert 20 Tage bezahlten Urlaub für frisch gebackene Väter – flexibel und tageweise innert einem Jahr nach der Geburt zu beziehen. Das feministische Netzwerk aktivistin.ch unterstützt diese Initiative ausdrücklich.

Text: Carmen


Wer heute in der Schweiz Vater wird, wird gleich behandelt wie bei einem Wohnungsumzug und erhält gerade mal einen Tag unbezahlten Urlaub. Das ist rückständig, diskriminierend und im internationalen Vergleich lächerlich. Die Geburt eines Kindes ist einer der vermutlich wichtigsten Momente einer Familie mit vielen erwarteten und auch unerwarteten Veränderungen, bei denen beide Elternteile präsent sein müssen. Mit dem Vaterschaftsurlaub wird es normal, dass sich auch die Väter von Anfang an um die Kinder kümmern. Vaterschaftsurlaub soll kein Luxus sein für jene, die sich einen unbezahlten Urlaub leisten können, sondern muss für alle möglich sein. Der Vaterschaftsurlaub ist ein Gewinn für Väter, Mütter, Kinder, die Familie und die Gesellschaft als Ganzes.

Rechtfertigung

Die politische Rechtfertigung des Vaterschaftsurlaubes liegt in dem seit 1981 in der Verfassung verankerten Gleichstellungsartikel. 

Väter wertschätzen

Die Zeit nach der Geburt ist sowohl für das Kind als auch für Väter und Mütter die wichtigste Phase für den Beziehungsaufbau und die Aneignung von elterlichen Kompetenzen. In einer Studie von Pro Familia Schweiz (2011) wünschen sich 90 Prozent der Schweizer Männer mehr Zeit und Flexibilität für Familie und Kinder. Mit der Regelung von einem Tag Vaterschaftsurlaub wird dieser Wunsch nicht nur ignoriert; die Regelung suggeriert auch, dass Väter weniger wichtig seien für die Familie – was ganz offensichtlich völliger Quatsch ist.

Gesellschaftliches Interesse

Eine Familie zu gründen ist nicht nur aus privater Sicht eine wichtige Entscheidung, sondern auch aus gesellschaftlicher. Es ist keine hohle Phrase, dass Kinder unsere Zukunft sind, gesellschaftlich, politisch, wirtschaftlich. Unser stabiles Sozialsystem ist auf generationenübergreifende Solidarität aufgebaut (Stichwort AHV). Das Argument «Kinder sind Privatsache!» lassen wir deshalb nicht gelten. Wenn Kinder Privatsache wären, dann wäre die Betreibung eines Bauernhofes genauso Privatsache und Subventionen für die Landwirtschaft hinfällig.

Im internationalen Vergleich ist die Schweiz ein familienpolitisches Entwicklungsland. Es sollte im Interesse aller sein, Kinder zu kriegen. Doch die Rahmenbedingungen dazu sind in der Schweiz enorm unattraktiv. Das manifestiert sich auch in der Geburtenrate: noch 1964 lag diese bei durchschnittlich 2.7 Kindern pro Familie und stagniert seit 2009 bei 1.5 Kindern.

Schweiz, wenn du Nachwuchs willst, dann tu etwas dafür!

Finanzierung

Die Finanzierung des Vaterschaftsurlaubes wird mit Versicherungen analog des Mutterschaftsurlaubes gelöst werden (Erwerbsersatzordnung EO) und zu gleichen Teilen von Arbeitnehmenden und Arbeitgebern über den Lohn abgezogen werden - das kostet nicht mehr als einen Kaffee im Monat! Wie bei den Sozialversicherungen und dem Mutterschaftsurlaub soll eine Lohnersatzquote von 80 Prozent gelten.

Ersatz Arbeitskraft

Einerseits funktioniert es bereits heute, eine Vertretungslösung für Mütter zu finden, und wir sind überzeugt, dass das auch für Väter funktioniert – gerade für KMUs. Andererseits sind unvorhergesehene Ausfälle einer Arbeitskraft immer möglich. Der Vorteil indes beim Vater werden ist: Eine Geburt ist nicht unvorhergesehen. Wenn es ein Unternehmen nicht schafft, ein halbes Jahr im Voraus einen Ersatzarbeitskraft für 20 Tage für Neo-Väter zu finden, hat das Unternehmen vermutlich weitaus grössere Probleme.

Der Initiativetext betont zudem den flexiblen Bezug der Vaterschaftstage: sie können am Stück oder auch einzeln innerhalb eines Jahres nach der Geburt bezogen werden. Das Initiativkomitee führt in ihrem Argumentarium drei Beispielszenarien auf, die auch für das kleinste KMU umsetzbar sind.

Ausfallrisiko

Mit der heutigen rechtlich-politischen Situation sind Frauen insbesondere zwischen 25 und 35 Jahren für Arbeitgeber ein Ausfallrisiko, da sie eine Gebärmutter besitzen und schwanger werden können. Das zieht eine massgebliche Diskriminierung von Arbeitnehmerinnen nach sich, namentlich die Lohndiskriminierung, geringere Aufstiegs- und Karrierechancen für Frauen sowie die Nichtförderung von jungen weiblichen Arbeitskräften. Mit dem Vaterschaftsurlaub werden die Frauen vom Druck dieses Ausfallrisikos entlastet.

Echte Gleichstellung

Gerade bei der Lohndiskriminierung ist interessant festzustellen, dass sich die Lohnschere zwischen den Geschlechtern erst mit ca. 30 Jahren öffnet – also ungefähr dann, wenn Familienplanung ein Thema wird. Salopp gesagt: Gleichberechtigung funktioniert bis zum ersten Kind, danach fallen wir wieder in veraltete Rollenmuster zurück, weil die meisten Frauen ihr Arbeitspensum zugunsten der Familie reduzieren. Nicht so die Männer. Oft fällt dabei die Rechtfertigung, dass der Mann besser verdiene, weil er eine erfolgreichere Karriere habe und es deshalb Sinn ergäbe, dass er arbeiten geht. Diese Rechtfertigung fasst die Wissenschaft unter dem Begiff «Retraditionalisierung der Beziehung» zusammen und ist besonders ausgeprägt nach der Geburt eines Kindes. Doch: Diese Rollenverteilung ist oft nicht frei gewählt und entsteht aus den strukturellen Zwängen heraus. Mit dem Vaterschaftsurlaub wird es normal, dass sich auch die Väter von Anfang an um die Kinder kümmern und nicht zum Elternteil zweiter Klasse werden.

Fatal ist in diesem Zusammenhang auch, dass die gesellschaftliche Akzeptanz von Männern, die zugunsten der Familie ihr Pensum reduzieren, sehr tief ist. Der Vaterschaftsurlaub ist also ein Puzzleteil, Väter den Zugang zum Familienleben zu erleichtern und ihnen die Möglichkeit zu geben, von Anfang an stärker in der Familie eingebunden zu sein. Zudem: Vaterschaftsurlaub und Teilzeit für Männer dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Es darf nicht zu einem entweder/oder dieser beiden Anliegen kommen: beides ist möglich und notwendig.

Auf der anderen Seite bedeutet das eine bessere Integration von Müttern in den Arbeitsmarkt. Weil es vorwiegend die Frauen sind, die nach einer Geburt auch länger zuhause bleiben, erhöhen sich die Hürden für den Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt. Bei Müttern mit höheren Bildungsabschlüssen kommt erschwerend die Herausforderung hinzu, eine Beschäftigung zu finden, die dem Abschluss und damit der investierten Bildung (privat finanziert oder subventioniert) gerecht wird. Auch in Anbetracht der durch die Masseneinwanderungsinitiative forcierte stärkere Ausnutzung des inländischen Arbeitskraftpotentials ist es zwingend notwendig, Mütter besser in den Arbeitsmarkt zu integrieren.


Podium zum Vaterschaftsurlaub

Mittwoch, 29. Juni 2016
19.00 - 21.00 Uhr
Zentrum Karl der Grosse, Kirchgasse 14, Zürich

Das Podium wird organisiert durch FemWiss.

TeilnehmerInnen

Adrian Wüthrich - Präsident Verein Vaterschaftsurlaub Jetzt!, Präsident Travail.Suisse
Carmen Schoder - Mediensprecherin aktivistin.ch
Clivia Koch - Vize-Präsidentin Verein Vaterschaftsurlaub Jetzt!, Vorstandsmitglied Alliance F
Jan Koch - Vize-Präsident SVP Graubünden, Grossrat, Fraktionspräsident
Maria von Känel - Geschäftsführerin Dachverband Regenbogenfamilie
Lukas Walter - Präsident FDP Zürich 9, Schulpfleger

Moderation

Petra Huth - Ökonomin und Politologin, Huth Consulting

Die Anmeldung erfolgt per Mail: info@femwiss.ch

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