#nomoresilence - Sexismus am Arbeitsplatz

Sexuelle Belästigung an der Uni - Eine immer wiederkehrende Situation

Text: Salome


Gerade hatte ich mit meinem Studium an einer grossen Universität begonnen, und durch ein Projekt mit älteren Studierenden und Doktorand*innen zu tun. Wir sprachen über das Studium, die Abschlussarbeiten und die Möglichkeiten für ein Doktorat.

Und dann kam auf einmal dieser Spruch: „Schreibe ja nicht bei diesem Prof deine Bachelorarbeit. Bei dem musst du mindestens einmal auf seinem Schoss gesessen haben, sonst bekommst du keine gute Note!“

Bitte was? Ich konnte auf diesen Kommentar gar nicht antworten. Dachte: "Das kann nicht wahr sein." Wir sind doch im 21. Jahrhundert, sollten das Patriarchat langsam hinter uns gelassen haben und alle mit gleichen Rechten und Chancen durchs Leben gehen? Aber es entsprach der Wahrheit. Sassen doch in dem Moment zwei Personen bei mir, die unabhängig voneinander die Themen ihrer Abschlussarbeiten gewechselt haben, um nicht mehr von diesem Professor betreut zu werden. Wie kann das sein - wieso redet niemand darüber und sorgt dafür, dass sich etwas ändert?

Später erfuhr ich, dass Zahlen zu sexueller Belästigung an dieser Universität nicht veröffentlicht werden dürfen. Die Dunkelziffer muss wohl hoch sein. Doch es wird geschwiegen.

Heute, einige Jahre später, weiss ich, wie häufig solche Situationen sind. Der Professor, der mit seinen Student*innen schläft. Diese Geschichten erzählt man sich überall, doch ist es leider nicht nur Tratsch. Meistens entsprechen sie der Wahrheit. Und alle haben sie eines gemeinsam: Die Frau ist die Schlampe. Sie wollte es doch. Wollte bessere Noten bekommen. Wollte sich die Doktorandenstelle sichern. Nach der Verantwortung und der Beteiligung des zumeist männlichen Professors fragt nie jemand. Sie hat das freiwillig gemacht, hätte ja nein sagen können, ist der geläufige Tenor.

Für mich stellt sich aber die Frage: Kann die Student*in überhaupt Nein sagen? Kann es überhaupt Freiwilligkeit und Gleichberechtigung geben, bei einer sexuellen Beziehung zwischen Professor und Student*in/ Doktorand*in? Zwischen Chef und Angestellter?
Ein Machtgefälle ist doch immer präsent in solchen Situationen.

Das heisst nicht, dass es solche Beziehungen nicht geben darf und auf freiwilliger Basis geben kann. Doch muss es Transparenz geben, um sicherzustellen, dass der Machthabende nicht übermächtig wird. Intern muss die Beziehung veröffentlicht werden, zum Schutze beider. Es müssen Lösungen gefunden werden, so dass der*die Chef*in die berufliche Verantwortung gegenüber dem privaten Partner verlässt.

Die Universität mit ihren altehrwürdigen patriarchalen Strukturen, in denen immer noch weniger als zehn Prozent Professorinnen vertreten sind, ist ein beinahe idealer Raum für verdeckte sexuelle Übergriffe und Machtmissbrauch. Professoren, die über ihr kleines Königreich herrschen, sich der Abhängikeit ihrer Student*innen und deren Zukunftssorgen bewusst sind und diese für ihre Zwecke ausnutzen gibt es immer noch zuhauf. Eine Struktur, in der es einfacher ist zu Schweigen, als laut Auszurufen. Am Ende verschwindet die betroffene Frau. Meist gebrandmarkt als leichtes Mädchen. 

Der Mann hingegen ist ein richtiger Mann. 

Dem es nachzueifern gilt.

Welch Ironie.

Das macht so wütend!

Ich kann nicht mehr schweigen!

Sal

 

 

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