Text: Jessica


Freitagabend, in der S-Bahn von Rapperswil nach Zürich.

In meinem Waggon, etwas entfernt von mir, befindet sich eine Gruppe junger Männer. Sie sitzen breitbeinig über mehrere Abteile verteilt und kommunizieren laut miteinander. Sie wirken schon ziemlich alkoholisiert und haben auch einige Flaschen starken Alkohol dabei. Ihre Stimmen werden immer lauter, sie singen Lieder und stacheln sich gegenseitig mit Sprüchen an. Diese nehmen einen immer aggressiveren und sexistischeren Ton an. Von “Heute reissen wir ein paar Fotzen auf” bis zu einem gegenseitigen “Soll ich dich eigentlich in den Arsch ficken, du Schwuchtel?” ist alles dabei. 

Bis jetzt richten sie ihre Aussagen nicht an andere Fahrgäste. Trotzdem bin ich froh, nicht allzu nah bei den Männern zu sitzen. Ich nehme Blickkontakt auf zu einer jungen Frau, die sich das Abteil mit Zweien dieser Gruppe teilt. Versuche ihr mit den Augen und unauffälligen Gesten zu zeigen, dass ich die Sache wahrnehme, und sie bei mir im Abteil herzlich willkommen wäre. Sie senkt den Blick und bleibt sitzen. Vielleicht hat sie mich nicht verstanden. Vielleicht will sie auch vermeiden, durch einen Sitzplatzwechsel die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ich kann sie zu gut verstehen. 

Wie oft blieb ich im öffentlichen Raum in einer unangenehmen Situation, weil ich Angst hatte, durch einen Weggang erst recht zu provozieren. Kurz nach Meilen rufe ich die Zug-Sicherheit an. Eine Frau ist am Apparat, sie ist sehr freundlich und nimmt mich ernst. Ich sage, dass bisher kein anderer Fahrgast direkt beleidigt oder angegriffen wurde, die Situation jedoch vor allem für Frauen sehr unangenehm und bedrohlich ist. Sie verspricht auf jeden Fall jemanden vorbei zu schicken. 

Im Bahnhof Stadelhofen steigen zwei weitere Fahrgäste zu: Zwei junge Männer. Gross. Breit. Die Muskeln, an denen bestimmt viel gearbeitet wurde, zeichnen sich unter den engen T-Shirts ab. Beide mit Käppi auf dem Kopf und mit RedBull in der Hand. Die johlende Gruppe hält inne. Die Neuen setzten sich, wohl zufällig, in ein Abteil, in dem sich auch zwei der betrunkenen Männergruppe befinden. Von da an ist Totenstille. Keine Sprüche, kein Gesang mehr.

Am HB steigt die Männergruppe aus, schweigend drücken sie sich an den beiden muskulösen Männern vorbei. Ich bin natürlich froh, dass die Situation glimpflich ausging. Dass es nicht zu einer Schlägerei kam und dass keine von uns Frauen schlimmer belästigt wurde. Ich bin aber auch wütend: Wenn sich nur ein paar junge Frauen im Waggon befinden, lasst ihr keinen sexistischen Spruch aus. Sobald jedoch zwei körperlich stark wirkende Männer einsteigen haltet ihr die Klappe? Wie armselig ist das denn? 

Dies zeigt, wie genau diese Männergruppe die Situation um sich wahr nahm. Die waren nicht einfach betrunken und „hatten es lustig“, wie so oft verharmlosend gesagt wird. Nein, sie wussten genau um  ihre Macht. Und um die bedrohliche Stimmung, die sie verbreiteten. Deshalb hörten sie auch sofort mit den Sprüchen auf, als sich die Situation veränderte. Von der Zug-Sicherheit ist übrigens weder im Stadelhofen noch im HB jemand zugestiegen.

Frauen, wenn ihr in solchen Situationen seid, versucht euch gegenseitig zu helfen. Oft wirkt schon ein Blickkontakt unterstützend und symbolisiert: Ich nehme die Situation auch wahr. Ich schaue nicht weg!

Männer, wenn ihr eine solche Situation antrefft, versucht zu helfen! Zeigt den Betroffen, dass ihr nicht wegschaut. Zeigt den Tätern, dass ihr hinseht!

Zugsicherheit, wenn euch jemand anruft, kommt!

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