Körperhaare – ein paar Haare, viel Reaktion

Es war ein lauer Spätsommerabend, sanftes Licht, Apéro-Leichtigkeit. Stolz führte ich einer Freundin meine Achselhaare vor. Ich hatte sie ein paar Wochen lang wachsen gelassen, das erste Mal seit fast 20 Jahren. Statt meine Freude über dieses Experiment zu teilen, sagte sie: „Wäh, das ist ja richtig gruusig.“ 

Meine Freundin fragte sich offenbar keine Sekunde, ob es in Ordnung sei, einen Teil meines Körpers derart abzuwerten. Sie hielt ihre Aussage für absolut angebracht. Gleichzeitig wehrte ich mich nicht gegen diese Anmassung, die unserer Freundschaft zuwiderlief. Ich fragte sie nicht, was ihr eigentlich einfalle, ich würde mir ja auch niemals ein Urteil über ihre Tattoos erlauben. Stattdessen schämte ich mich und senkte den Arm, um die Umwelt nicht weiter mit diesem Ärgernis zu behelligen.  

Unsere beiden Reaktionen sind nur möglich, weil meine Freundin als Vertreterin eines höheren Gesetzes auftrat: Frauen* sollen keine Achselhaare tragen, das ist unhygienisch, ungepflegt und unweiblich.  

Das Hinterhältige an der Norm des haarlosen Frauen*körpers besteht darin, dass nicht nur Männer* sie durchzusetzen versuchen, sondern auch Frauen* selber. Denn diese Schönheitsnorm ist in unser Fühlen und in unser Selbstverständnis eingewachsen. Schon als pubertierendes Mädchen bekam ich das Rasur-Diktat zu spüren. Statt dass ich mich über den beginnenden Haarwuchs auf Beinen, an der Vulva und unter den Achseln freute – ein Zeichen, dass es nun endlich vorwärts geht mit dem Erwachsenwerden – schämte ich mich für die Haare, die unter der Kleidung hervorlugten. Ich erinnerte mich nämlich genau, wie wir Mädchen uns über eine Lehrerin lustig gemacht hatten, die sich ihre Beine nicht rasierte.  

Selbst wenn ich das Gebot der Haarlosigkeit mittlerweile längst durchschaut als sexistisches Konstrukt habe, gerate ich manchmal immer noch in seinen Bann. Im Moment, als meine Freundin meine Achselhaare als eklig abstempelte, fand ein Teil von mir: Sie hat ja Recht. 

Doch warum nimmt dieser gesellschaftliche Druck beim Thema Körperbehaarung nicht wirklich ab? Zwar sehen wir immer mehr Bekenntnisse haarigen Körperstellen. Doch es braucht weiterhin noch Mut, zu dieser Natürlichkeit zu stehen. Und wenn wir einmal getraut haben, die Haare auch bei warmen Temperaturen stehen zu lassen, warum lassen wir uns von negativen Aussagen immer noch so beeinflussen? Und warum trifft die Norm der Haarlosigkeit immer noch vor allem Frauen*? Warum geniessen Männer*, wenn es um die eigene Behaarung geht, einen deutlich grösseren Toleranzbereich?  
 
Es gibt viele Gründe sich die Haare wegzumachen und es gibt genauso viele Gründe, sie spriessen zu lassen. Unsere Entscheidung sich zu rasieren oder nicht, macht uns nicht zu besseren oder schlechteren Feminist*innen. Hören wir auf, über die persönliche Entscheidung anderer Frauen*, inter, nicht-binären und trans Menschen zu urteilen, besonders wenn es um den eigenen Körper geht. Die Feindseligkeit, die die Gesellschaft unseren Körpern gegenüber hat, sollten wir nicht fortführen.  
 
Wie geht es euch mit dem Thema Körperbehaarung? Schickt uns eure Gedanken, Erfahrungen und Fotos dazu. Wir posten jeden Donnerstag etwas zu diesem Thema. 

*steht für das gesellschaftlich konstruierte Geschlecht. Der Text ist in binären Geschlechterkategorien geschrieben, weil auch unsere Gesellschaft zu diesem Thema sehr binär denkt. 

4 thoughts on “Körperhaare – ein paar Haare, viel Reaktion

  1. Soweit ich es mitbekommen habe, finden es viele Männer schön, wenndie Frauen sich nciht die Acheln rasieren. Schwarze Haare die einen Teppich ausmachen sind vielelicht deneininen lieber als weisse, helle haare? es wäre abzufragen. Ich jedenfalls finde es als frau auch angenehmer, da der Schweiss zuerst in die haare geht. Mit Deo kann frau so die Bo^luse einen Tag länger tragen. und die Beine stecken bei mir eh immer in Hosen. auch im sommer. ich rasiere mich deshalb schon seit Jahren nciht mehr.

  2. Ich habe einen legèren Umgang mit meiner Körperbehaarung, doch ganz ehrlich muss ich nicht unbedingt die Achselhaare meiner Freund*innen ansehen. Ab und zu epilliere ich meine Beine weil ich das Gefühl von glatte Beine mag aber generell entferne ich meine Körperbehaarung nur selten. Ich finde es trotzdem unverschämt, dass zwar während der Menschheitsgeschichte in gewissen Kulturen die Körperbehaarung schon seit langem entfernt wird, jedoch der hauptsächlicher Grund weshalb in den westlichen Kulturen der Druck besteht wegen der Rasierindustrie die eine neue Marktgruppe suchten…

  3. Liebe Verfasserin des obenstehenden Textes

    Vielen herzlichen Dank für deinen mutigen Beitrag! Wie sehr ich deine Meinung doch teile!

    Sehr gerne berichte ich dir von meinen Erfahrungen. Dazu kurz ein paar Eckdaten über mich: 44jährig, zweifache Mutter, beruflich im Sport- und Sozialbereich tätig.

    Als Jugendliche anfangs Neunziger bekam ich ebenfalls das Rasur-Diktat sehr klar und deutlich zu spüren. Als Waage-Geborene hatte ich bitzli mehr/dunklere Haare an den Beinen, als die meisten meiner Mitschülerinnen. Unerfahren, selbstunsicher über diese Veränderung meines Körpers, sensibel auf die Reaktionen und Stimmen im Aussen, folgte ich blind diesem Rasur-Diktat, was meinen Haarwuchs an den Beinen nur noch verstärkte. Jahrelang litt ich als junge Erwachsene emotional an diesem «Makel» meines sportlichen Körpers. Ich empfand mit dem Thema meiner behaarten Beine starke unangenehme Gefühle wie Scham, Ohnmacht, Wut, Traurigkeit, Dissoziation, Ablehnung bis hin zu Sommerdepression. Bis ich anfing, nach Lösungen zu suchen: Ich nahm weibliche Hormone zu mir, liess meine Beine mit Laser behandeln, litt Höllenqualen beim Epilieren… bis ich mit 20 Jahren die Schnauze voll hatte von all den Torturen, mich mit meinen Beinhaaren anfreundete und nur noch ab und zu nass rasierte, wenn ich gerade Lust auf glatte Beine hatte. Ich hatte damals ein Schlüsselerlebnis, als jemand meine Haare an meinen Armen lauthals kritisierte. Daraufhin wehrte ich mich reflexartig, wehement und laut zurück und fauchte dieser Person ins Gesicht: «Lasst uns Frauen wenigstens unsere Haare an den Armen!!» Auf die Haare an meinen Armen werde ich auch heute öfters noch angesprochen oder mit komischen Blicken beäugt. Meistens von ausländischen Schulkindern, welche ich betreue. Meine Standard-Antwort: «Ach, und du meinst nun, ich sei keine Frau? Haben die Frauen, in dem Land, aus dem deine Familie stammt denn keine Haare am Körper?» Dann schweigen sie immer betroffen.. Sonnenklar, sie sind der Anblick von Körperhaaren bei Frauen nicht gewohnt, weil in der islamischer Kultur beim Besuch bei der Coiffeuse das Schneiden/Enthaaren (Sugaring) sämtlicher Körperhaare inklusiv ist.

    Das Lesen deines Berichtes hat mich stark berührt. Auch wenn ich mich nach vielen Jahren nun daran gewöhnt habe und mit dem Thema einen einigermassen friedvollen und leichten Umgang gewonnen habe, weckt mich dein Text trotzdem aus einer Art Resignations-Zustand auf und eine Frage drängt sich mir auf: Weshalb immer noch das ganze Gerasiere? Wer sagt, dass Haare unästethisch, unhygienisch, unweiblich, unsportlich sind?

    Du bringst es auf den Punkt: Haare sind ein Teil unseres Körpers und wer hat das Recht dazu, Teile unseres Körpers abzulehnen, zu verurteilen oder abzuwerten? Oder: Warum lassen wir das zu? Oftmals stelle ich mir Affen-Weibchen vor (Menschenaffen wie Orang Utans, Schimpansen, Gorillas etc), die sich ja auch nicht rasieren und trotzdem voll und ganz Weibchen sind.

    Mein Ex-Partner gestand mir am Anfang unserer Beziehung, dass er rasierte Yonis überhaupt nicht anziehend fände, sondern viel mehr die naturbelassenen, buschigen Intimhaar-Dreiecke der Frauen. Für mich war das damals richtig schön und erleichternd und neu aus einem Mund eines Mannes zu hören, so ehrlich und frei. Und oftmals, wenn ich über diese Thematik nachdenke, frage ich mich, woher dieser Rasier-Wahn stammt? Kommt er womöglich ebenfalls aus der Ecke der homosexuellen Modezaren, die die Welt der Mode (Schönheitsideale!) mit ihrer Vorliebe für Models mit mageren, bubenartigen Körpern prägten? Könnte hier noch die Ergänzung und der Ursprung zum Schönheitsideal von glatter, unbehaarter Haut zu Grunde liegen? Oder müsste man früher in der Zeitgeschichte der Menschheit nach Antworten suchen, womöglich bei den altern Ägyptern..?

    Eifert die Welt immer noch unerwachsenen, unrealistischen Schönheitsidealen hinterher? Und: Ist es nicht langsam an der Zeit, erwachsen und reif zu denken und zu handeln im Umgang mit unseren Körpern und seinen ‹Schönheitsidealen›? Darf dieser Tabu-Deckel sich nun auch endlich erheben?

    Es hat mir richtig Spass gemacht, über dieses Thema offen und ehrlich zu schreiben!

    Herzliche Grüsse Marianne

  4. Danke für den Text. Da kommt mir gleich eine eigene Geschichte hoch.
    Nach einer sehr sehr langen, super anstrengenden und aufwühlenden Geburt ist endlich mein Kind auf der Welt. Leider muss jetzt noch mein tiefer Dammschnitt genäht werden. Diese Aufgabe darf ein junger Assistenzarzt übernehmen. Nach gefühlten 100 Stunden erneutem Schmerz, kann ich einfach nicht mehr und ich will endlich zu meinem Kind. Erschöpft frage ich ihn, wie lange es wohl noch dauern wird. Er gibt mir zur Antwort, er könne nichts dafür, dass es so lange dauert, ich sei „da unten eben sehr stark behaart“.
    Ich schämte mich sehr, ganz lange habe ich das niemandem erzählt und meine Haare brav gestutzt. Ich dachte auch, dass meine Behaarung wahrscheinlich speziell stark sein muss.

    Mein Kind ist jetzt 15 Jahre und diese Geschichte geht mir immer noch nach.
    Lieber Gruss, andrea

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