Feminismus in der Corona-Krise

Wir sind wütend!
Selbstverständlich ist Gesundheit zentral, auch wir sehen einer ungewissen Zukunft entgegen und sind beunruhigt.
Aber Krisen könnten auch feministisch bewältigt werden. Gleichstellung und Feminismus sind aber aktuell kein Thema! Die Folgen von Massnahmen werden überhaupt nicht (gesellschafts)kritisch analysiert.

Wer kümmert sich um die Kinder, wenn Schulen schliessen? Wer räumt die Regale in unnötig leer gekauften Läden ein? Wer pflegt kranke und alte Menschen? Was bedeutet es, wenn wir möglichst zuhause bleiben müssen? Welche Menschen arbeiten in Berufen, die nicht aus dem Homeoffice zu bewältigen sind?

Die Krise trifft aktuell vor allem Frauen*, queere Menschen und Menschen, die sozial schlechter gestellt sind. Das darf nicht sein!

In der Krise halten Frauen* die Gesellschaft am Laufen
Quelle: BFS/Strukturerhebung 2012-2014. SECO

Wir müssen auch Gelder für Care-Arbeit bereithalten! Wir müssen mehr Plätze in Frauenhäusern schaffen, damit Betroffene von Häuslicher Gewalt Schutz finden!
Zahlen wir doch endlich die anständig, die sich um unsere Gesundheit kümmern, die sich um unsere Kinder kümmern, unsere Eltern pflegen und Tag ein Tag aus dafür sorgen, dass das Pasta Regal voll ist.
Die Corona-Krise muss bewältigt werden. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass es uns alle betrifft. Seien wir also alle solidarisch und bewältigen die Krise gemeinsam und feministisch.

16 Tage gegen Gewalt an Frauen* – 2018: Man up – Sei ein Mann

Auch dieses Jahr durfte Aktivistin.ch im Rahmen der Veranstaltungsreihe «16 Tage gegen Gewalt an Frauen*» in der Photobastei mit verschiedenen Menschen diskutieren.

Anders als letztes Jahr fand keine Podiumsdiskussion, sondern eine Gesprächsrunde statt. Menschen, die sich intensiv mit Geschlechterrollen und im Besonderen mit Männlichkeit(en) auseinandergesetzt haben, wurden von den Aktivistinnen* eingeladen.

Es diskutierten am 7. Dezember 2018:

– Chri Hübscher, non-binär und politisch aktiv:
 http://www.nonbinary.ch/chri/

– Domenica Priore, Trans*frau, Co-Präsidentin der Lesbenorganisation Schweiz und Teil von Aktivistin.ch

– Weitere wunderbare Menschen, die ihren Weg in die Photobastei gefunden haben.

Moderiert wurde die Diskussion von Anna-Béatrice Schmalz, Sozialarbeiterin*, Teil von Aktivistin.ch. Zum Mitreden waren alle Gäst*innen eingeladen.

Eröffnet wird die Diskussion von Chri: Chri erzählt, dass Chri männlich sozialisiert wurde, jedoch nie etwas mit der männlichen Geschlechterrolle anfangen konnte. Chri unterstreicht, dass wir alle letzten Endes Menschen seien, wobei es biologische Unterschiede gebe, die jeweiligen Geschlechterrollen jedoch ein soziales Konstrukt seien. In unserer Gesellschaft sei insbesondere die Minderbewertung von Weiblichkeit sehr erschreckend.

Die Frage um das Warum für die Assoziierung von Männlichkeit mit Aggressivität steht als nächstes im Raum: Sind es, wie viele von uns im Biologie-Unterricht gelernt haben, die Hormone, die Männer* gewalttätig werden lässt? Chri kann dies aus persönlicher Erfahrung nicht bestätigen. Vielmehr sei es der Ausdruck von Aggressivität in Form von Gewalt anerzogen: Oftmals werden Männer* beim Zeigen von Schwäche und Emotionen dazu aufgefordert, sich zu wehren. Männer* müssten stark sein, es kommt zu einer positiven Ermutigung zum Ausdruck von Aggressionen in Form von Gewalt durch unsere Gesellschaft. Helene, Chemie Doktorandin* aus dem Publikum erläutert, dass in der Naturwissenschaft – wie zum Beispiel der Biologie – oftmals sogenannte „hard facts“ gefordert werden. Diese kann die Sozialwissenschaft nicht liefern. Biochemisch lassen sich Hormone allerdings im Körper nachweisen: Männer* weisen im Vergleich zu Frauen* meist mehr Testosteron in ihren Körpern auf und neigen vermehrt zu körperlicher Gewalt. Daraus wird in der Biologie geschlossen, dass Männer* aufgrund des höheren Testosteronspiegels zu physischer Gewalt neigen. Allerdings könnte es sein, dass Testosteron und Gewalt keine Kausalität aufweisen: Genauso wäre es möglich, dass die Sozialisierung von Männern* dazu führt, dass sie vermehrt zur physischen Gewalt neigen. Das Testosteron dient als scheinbar gut messbare, wissenschaftlich Erklärung für dieses Phänomen. Im weiteren Verlauf der Diskussion wird erläutert, dass in der Vergangenheit anstelle der Hormone die göttliche Ordnung zur Zementierung von Rollenbildern diente. Die Begründung für die traditionellen Rollenbilder sind also eine Art Modeerscheinung: Vielleicht ist das Hormonargument in 100 Jahren bereits passé. Auch der Blick in die Vergangenheit ist vom Patriarchat geprägt und wird als Instrument zum Unterstreichen der traditionellen Rollenbildern benutzt: Nicht alle Frauen* in der Steinzeit waren Sammlerinnen* und nicht alle Männer* waren Jäger*, gibt eine Expertin* aus dem Publikum Auskunft. Allerdings sind meist biologische Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Körpern vorhanden, etwa die Möglichkeit von manchen Frauen*, Kinder zu gebären. Dies soll uns jedoch nicht davon abhalten, traditionelle Rollenbilder zu durchbrechen. So sind wir heute bereits auf einem guten Weg: ehemals typische Männer*- bzw. Frauen*berufe werden auch von Menschen ausgeübt, die nicht den ehemals für diesen Beruf angedachten Geschlechtern zugehörig sind. Aufbrechen von Rollenbildern müssen bereits im Kindesalter stattfinden: Paula, Erzieherin* erzählt von einem Mädchen, das sich sehnlichst einen kleinen Bruder wünscht, da es dann von seinen Eltern endlich Legos zum Spielen erhält. Oder von einem Jungen, dessen Vater Angst hat, dass sein Sohn schwul wird, weil er gerne mit Puppen spielt. Ganz abgesehen davon, dass kein Mensch sich vor dem Homosexuellsein oder -werden fürchten sollte, sind es genau diese Mechanismen, die dazu führen, dass Männer* zu physischer Gewalt neigen, öfters Suizid begehen, weniger oft Teilzeit-Stellen besetzen und eine niedrigere Lebenserwartung haben als Frauen*. Frauen* dagegen seltener in MINT-Berufen arbeiten, weniger Geld verdienen, öfters von Altersarmut betroffen sind und mehr Pflegearbeit (Care Arbeit) – bezahlt oder unbezahlt – ausüben. 

Wir alle sind Vorbilder und sollten jungen, unvorbelasteten Menschen ermöglichen, ihre eigenen Präferenzen und Stärken kennenzulernen, ohne sie anhand ihres biologischen Geschlechts zu schubladisieren.

Dafür steht Feminismus: Feminismus ist für alle Menschen da, Feminismus soll Männer*, Frauen* und alle Menschen dazwischen oder jenseits dieser Grenzen ansprechen. Feminismus will Grenzen einreissen. Männer* sind genau so Teil dieser Revolution wie Frauen*. 

Feminismus ist also als Kampf für die Gleichberechtigung von Menschen zu verstehen.

Aus diesem Grund: Männer* dieser Welt vereinigt euch! Kämpft Schulter an Schulter mit Frauen* und allen Menschen für ein gleichberechtigtes, faires Leben.

Diese Botschaft tragen wir gerne aus der vergangenen Gesprächsrunde im Rahmen der 16 Tage gegen Gewalt an Frauen* in unseren Herzen in die Welt hinaus.

Zu guter Letzt wurden die Teilnehmenden der Gesprächsrunde mit den eigenen, traditionellen Geschlechterrollen-Vorstellungen konfrontiert: Tallboy, ein sensationeller Dragking aus Vancouver gab eine atemberaubende Lip-Sync Showeinlage zum Besten. Er zeigte, dass Geschlecht nicht durch das Aussehen oder Verhalten definiert wird und dass Grenzen zwischen weiblich und männlich fliessend sein können. 

Und auch dieses Jahr wieder einen riesengrossen Dank an die Photobastei: http://www.photobastei.ch/

Vergabe Goldener Tampon 2018

Am 20.08.2018 wurde in den Schaffhauser Nachrichten eine Karikatur von Pascal Coffez veröffentlicht, die eine übergrosse, monstruöse Tamara Funiciello mit unbekleidetem Oberkörper zeigt. Der Anlass zur Veröffentlichung der Karikatur war Funiciellos Rede als Reaktion auf die gewalttätigen Angriffe auf Frauen* in Genf in diesem Sommer.

Die Karikatur bedient dabei sexistische Stereotypen und verletzt die Privatsphäre von T. Funiciello, in dem ihre Handynummer in der Zeitung publiziert wird.

Feministinnen* als hässliche, hysterisch schreiende Frauen* darzustellen reproduziert ein altes, abgegriffenes Stereotyp. Es stellt Aktivismus für Frauen*rechte als übertreiben und unbedeutend dar.

Zudem ist problematisch, dass die wichtige Botschaft in Funiciellos Rede gegen Gewalt an Frauen* keine Beachtung fand, obwohl dies die Kernaussage ihrer Rede darstellte. Strukturelle Gründe für Gewalt an Frauen und die Forderungen nach Frauen*rechten werden systematisch übergangen und finden keine breite Beachtung.

Heute, am 17.12.2018, gegen 17 Uhr übergab Aktivistin.ch den goldenen Tampon den Schaffhauser Nachrichten. Sie wurde vom Frauenstammtisch Schaffhausen und den Jungsozialist*innen begleitet. Dabei haben die Aktivist*innen ein Weihnachtslied zum Thema Sexismus zum Besten gegeben.

Wir fordern, dass Medien ihre Verantwortung zur fairen, ausgeglichenen Berichterstattung sowie zum Schutz der persönlichen Privatsphäre wahrnehmen und Sexismus als das darstellen, was er ist: Ein Problem unserer Gesellschaft.

Stell dir vor, es sind Wahlen und plötzlich sind alle Feminist*innen

Letzte Woche hat eine Veranstaltung stattgefunden, an der grossartige feministische Frauen* zu Wort gekommen sind – eine wundervolle Sache, wenn es nicht um das traurige Thema der Gewalt gegen Frauen* gegangen wäre. Und wenn im Gespräch nicht immer wieder durchgedrungen wäre, dass nach dem übergriffigen, gewalttätigen Verhalten gegenüber emanzipierten und selbstbestimmten Frauen* in Genf scheinen plötzlich alle Expert*innen im Gebiet “Gewalt an Frauen*” zu sein. Dass insbesondere Politiker*innen nun betonen, wie schlimm diese Gewalt an Frauen* sei, und härter bestraft werden müsse. Dies natürlich immer mit dem Hintergedanken, dass schon bald die nächsten Wahlen sind, und immerhin die Hälfte der Wahlberechtigten Frauen*. Und Gewalt ist natürlich viel weniger verfänglich als Lohngleichheit, weil die meisten Menschen Gewalt schlecht finden, vor allem, wenn sie gegen einen persönlich gerichtet ist. Mit Lohngleichheitsdiskussionen macht man tendenziell mehr Menschen wütend als mit Diskussionen, dass doch etwas gegen diese Gewalt an Frauen* gemacht werden muss. So weit, so scheinbar feministisch.

Ein prominentes Beispiel für eine scheinbare Feministin ist die Frau Rickli: Sie hat 2016 eine parlamentarische Initiative lanciert, um das Mindeststrafmass für Vergewaltigung auf 3 bzw. 5 Jahre zu erhöhen. 2011 hat sie allerdings die Istanbul-Konvention abgelehnt, welche die Schweiz und andere europäische Staaten dazu verpflichtet, Gewalt gegen Frauen* zu verhüten und zu bekämpfen.

Dieses Beispiel soll keinesfalls dazu dienen, Frau Rickli dafür zu rügen, dass sie sich für ein höheres Strafmass bei Vergewaltigung einsetzt. Ausserdem ist es unterstützenswert, dass eine junge Frau* sich aktiv und erfolgreich in der schweizerischen Politik engagiert. Allerdings macht diese Art der medienwirksamen Scheinpolitik nachdenklich. Das Problem der patriarchalen Kulturen (ja, dazu gehört auch die Schweiz) ist, dass die gesellschaftlichen Strukturen die Anzeige und Strafverfolgung von Gewalt gegen Frauen* behindern: Wenn Frauen*, die sexuelle Gewalt erfahren, sich dazu überwinden, Anzeige zu erstatten, liegt die Beweis-Schuld bei ihnen. Prominentes Beispiel, dafür ist Frau Spiess-Hegglin: Sie hat versucht, einen prominenten, mächtigen Politiker wegen Vergewaltigung zur Verantwortung zu ziehen. Allerdings gelang ihr nicht, die Unschuldsvermutung, die für jede angezeigte Person gilt, zu widerlegen. Dies ist in der Schweiz normal, so funktioniert unser Rechtsstaat. Problematisch ist abgesehen vom persönlichen Schicksal allerdings die symbolische Wirkung dieses Urteils und der Umgang der Öffentlichkeit mit Frau Spiess-Hegglin. Sie hat gewagt, sich gegen sexuelle Gewalt zu wehren. Allerdings erhielt sie von der Öffentlichkeit nur voyeuristische bis ungläubig gefärbte öffentliche Aufmerksamkeit. Denkt ihr, Menschen, die sexuelle Gewalt erleben – oft auch von Menschen aus dem näheren Umfeld ausgeführt – wagen nach einer solchen Geschichte noch, sexuelle Gewalt anzuzeigen? Genau dies sind die Strukturen, die geändert werden müssen: Dass wir nicht automatisch davon ausgehen, dass Erlebende von sexueller Gewalt nur der gewaltausführenden Person eins auswischen möchten, sondern dass wir ohne zu urteilen zuhören. Wenn ein grosser Teil von sexueller Gewalt aufgrund der Reaktion aus der Öffentlichkeit nicht zur Anzeige kommt, ist das Strafmass für Vergewaltigung nur ein nachgelagertes, zweitrangiges Problem. Wir müssen die Strukturen ändern, damit Betroffene von sexueller Gewalt sich trauen, mit dem Missbrauch an die Öffentlichkeit zu gehen. Genau hierfür brauchen wir ein lautes “ja” für die Umsetzung der Istanbul-Konvention, Frau Rickli.

Wir wollen keine symbolträchtigen politischen Schnellschüsse, die es alten, weissen Männern ermöglicht zu sagen: “Wir haben ja schon etwas gemacht gegen diese Gewalt an Frauen*!”

Wir wollen, dass alte weisse Männer zusammen mit Menschen jeden Geschlechts, Alters, sozialen Status‘ und jeder Hautfarbe die politischen Geschehen dieses Staates, dieser Erde bestimmen. Zusammen mit Jolanda Spiess-Hegglin, Nathalie Rickli, Tamara Funiciello und von mir aus auch mit Ueli Maurer wollen wir entscheiden, was der gerechteste und nachhaltigste Weg ist, ein langfristiges, gleichberechtigtes und friedliches Zusammenleben zu ermöglichen, ohne uns auf Kosten anderer Menschen zu bereichern. Vielleicht ist das eine Utopie – aber genau dafür lohnt es sich einzustehen.

Frauen im Laufgitter – auch heute noch?

Dass Frauen* ein sexuell und finanziell selbstbestimmtes Leben führen, war in den 1950er Jahren noch eine ungehörige Forderung, während es heute für viele von uns Realität ist. Vor 60 Jahren schrieb Iris von Roten ihr der Zeit vorauseilendes Manifest “Frauen im Laufgitter“. Obwohl sich im Bereich Gleichstellung sehr viel bewegt hat, sind viele ihrer Forderungen auch heute noch revolutionär und ihre Analysen noch ähnlich zutreffend.

Die Feministin Iris von Roten würde heute, am 2. April 2018, ihren 101. Geburtstag feiern. Ausserdem veröffentlichte sie vor 60 Jahren, 1958, Ihre messerscharfe Analyse «Frauen im Laufgitter». Ihre Forderungen (etwa Mutterschaftsversicherungen, Krippen und eine befreite weibliche Sexualität) und ihr Lebensstil (etwa alleine Autostoppen) waren so radikal, dass sie für das Scheitern des Wahlrecht-Referendums mitverantwortlich gemacht wurde. Um ihr Leben und Werk zu feiern, lesen heute Aktivist*innen am Zürichsee ihre und andere aktuelle feministische Texte vor.

Heute ist Feminismus und der Umgang mit Frauen* am Arbeitsplatz, im Privatleben und in der Öffentlichkeit (Stichwort: #Metoo) wieder in aller Munde. Viele der heutigen Probleme und Forderungen wurden aber bereits von Feminist*innen früherer Generationen analysiert und vorweggenommen. Wir wollen mit dieser Aktion auch daran erinnern, dass wir auf deren Errungenschaften aufbauen können und nicht wieder von Null anfangen müssen. 

Wofür Frauen* kämpfen? – Kommentar zu Binswangers „Wie Frauen kämpfen“

Unsere Podiumsdiskussion im Rahmen der 16 Taqe gegen Gewalt an Frauen wurde von Michèle Binswanger in ihrem Artikel im Tagesanzeiger erwähnt.

«Auf dem Podium in der Photobastei wird klar: Es gibt immer auch Zwischentöne und Graustufen. Journalistin Nina Kunz erzählt, dass diese Erfahrungen für sie als junge Frau durchaus auch ambivalent waren. Dass begrabscht zu werden gewissermassen auch als Kompliment aufgefasst werden kann, weil man ja «fuckable» ist. Und dass es eine gewisse Zeit brauchte, um diese Erlebnisse einordnen zu können. Es sind mutige Aussagen, und sie führen die Diskussion dahin, wo sie interessant wird: bei der Schwierigkeit, die eigenen Grenzen erst einmal für sich selber erkennen lernen zu müssen, bevor man sie auch gegenüber anderen ziehen kann. Selbstverteidigungscoach Alex Maspoli stimmt ihr zu. Man müsse aufhören, auf Opfer und Täter zu fokussieren, und sich stattdessen konkreten Handlungen zuwenden, die als grenzüberschreitend empfunden würden. Viele Sexualstraftäter versuchten nämlich, die Grenzen diffus zu gestalten, dem Opfer auszureden, dass solche Grenzen gezogen werden könnten. In seiner Arbeit gehe es deshalb darum, die eigenen Grenzen erkennen zu lernen und sie mittels Körpersprache deutlich zu ziehen. «Jeder hat ein Recht auf Grenzen, jeder hat ein recht, Nein zu sagen», halt Maspoli fest. Und jeder habe ein Recht, sich zu wehren, was man vor allem jüngeren, männlichen Gewaltopfern zunehmend vermitteln müsse. Manche liessen sich lieber verprügeln, als sich zu wehren, um bloss nicht selber Gewalt anzuwenden. Sie seien aggressionsgehemmt, sagt Maspoli.»

(Tagesanzeiger, Wie Frauen kämpfen, 9.12.2017)

Einerseits freuen wir uns, dass es eine kritische Auseinandersetzung damit gibt, wie «Feminismus eigentlich stattfindet». Und auch darüber, dass festgestellt wird, dass nicht immer alles schwarz und weiss ist. Auch wir Feminist*innen sind der Meinung, mensch müsse differenzierter über Themen wie sexuelle Belästigung diskutieren, als es ein #MeToo und 280 Zeichen Gezwitscher erlauben.
Andererseits scheinen einige unserer Kernbotschaften nicht so recht angekommen zu sein, da nur einige wenige Zitate der Podiumsteilnehmenden ausgewählt wurden, die in eine etwas andere Richtung zeigen. Vor allem der starke Fokus darauf, wie man die eigenen Grenzen richtig setzt, stört uns etwas.

Es ging uns bei der Podiumsdiskussion vor allem auch darum, dass Menschen so miteinander umgehen sollen, dass jemensch nicht gezwungen ist, ständig Grenzen zu ziehen und sie alleine zu verteidigen. Vor allem Fragen, welche Strukturen es dafür braucht oder wie mensch besser kommunizieren kann, um Übertritte zu vermeiden, wurden diskutiert. Klar mag es illusorisch klingen, auch ohne Grenzziehung keine Grenzüberschreitung fürchten zu müssen. Es gibt aber durchaus auch Menschen, denen jegliches Grenzenziehen schwer fällt. Was dann? Diesen Personen die Schuld für einen Übergriff in die Schuhe zu schieben, ist keine Lösung. Es muss auch eine Anstrengung der Gegenseite geben, besser darin zu werden, sich ins Gegenüber hineinzufühlen und zu überprüfen, ob das eigene Verhalten auch noch ok sei. Es ist auch ein gesellschaftliches Problem, dass der normale Modus «Geh soweit bis dich jemand aufhält» ist.
Auch dass Grenzen-Ziehen immer auch eine Machtfrage ist, fällt etwas unter den Tisch. Selbstwahrnehmung der eigenen Grenzen ist notwendig, um diese ziehen zu können und stärkt auch das Selbstbewusstsein. Aber es ist nicht hinreichend: nur weil mensch seine Grenzen kennt, heisst das noch lange nicht, dass mensch sie dann auch ziehen kann. Werde ich beispielsweise von meiner*m Chef*in belästigt, kann ich diese Grenze schwer ziehen, weil ich Angst um meinen Job habe.

Hier muss es ein Umdenken geben: Grenzen anderer erkennen zu lernen und den Fokus auch auf diese Seite zu setzen wäre unserer Ansicht nach ein Schlüssel für ein respektvolleres Zusammenleben.


Ps: Hier kann man noch die gesamte Diskussion nachhören: 
https://soundcloud.com/user-934179218/28112017-grenzen-erkennen-grenzen-setzen-podiumsdiskussion-live

Podium „Grenzen erkennen, Grenzen setzen“

Im Rahmen der 16 Tage gegen geschlechtsspezifische Gewalt haben wir (in Zusammenarbeit mit dem Radio Lora, der Photobastei und den Gästen) am 28.November 2017 ein Podium veranstaltet.
Diskutiert haben:

Moderiert hat Anouk von der Frauen*redaktion vom Radio Lora

Ein riesen Dankeschön nochmal an alle Beteiligten!

(K)Ein sicheres Zuhause

Seit 7 Jahren wohne ich nicht mehr daheim. Und ich suche noch immer danach. Nach dem sicheren Zuhause, das anscheinend jede*r hatte.
Meine Beziehungen starten immer schön: mit viel Zuneigung und Hoffnung. Und enden immer in grausigen Szenarien: mit Angst, Schreien, Kontrolle und ganz vielen verwirrenden Gefühlen. Irgendwann kommen die Erinnerungen an früher, die alten Verhaltensweisen, der Kontrollverlust, das Überreagieren, das Gefühl dass man das nie hinbekommt.
Es ist hässlich, wenn man selbst als erwachsener Mensch nicht weiss, wie Liebe oder ein Zuhause funktioniert. Ich kannte das von daheim nicht, wie man sich gegenseitig stützt , wie man einander respektiert, wie man Grenzen erkennt und einhält, wie man bekommt was man braucht, wie man gibt was gebraucht wird. Und ab einem gewissen Alter lernt man es eben nicht mehr so leicht, und selbst mit psychotherapeutischer Unterstützung ist es schwer.
 

Daheim war es meist ok, wenn mein Vater nicht da war. Wenn er aber (meist betrunken) von der Arbeit heimkam, war es ein ständiges Gehen auf Eierschalen. Man konnte nichts für seine Stimmung, aber man musste auf jeden Fall bezahlen, wenn sie nicht so gut war.

Einmal hatte ich keine Lust meine Hausaufgaben gleich nach der Schule zu machen. Er schrie mich an, am Schluss lag ich weinend und mit rotem Gesicht am Boden. Ich weiss nicht, was ich falsch gemacht habe. Wahrscheinlich nichts. Ich hätte es nicht besser machen können. Ausser vielleicht indem ich nicht da wäre, nichts sage, nichts brauche….
Einmal hatte ich ein Messer am Tisch fallen lassen. Als er mich angeschrien und ich widersprochen habe und damit “drohte” mir Hilfe zu holen, hat er mich grün und blau geschlagen. Meine Mutter meinte ich solle ihn nicht provozieren und erst recht solle ich nicht die Familie kaputt machen, indem ich jemandem davon erzähle.
 

Es ist verrückt, wenn man als junger Mensch sich seiner Unversehrtheit und seines Wohlbefindens nicht sicher sein kann. Es ist vor allem verrückt, wenn das wegen eines Menschen ist, der sagt, dass er einen liebt. Es ist verrückt, dass Kinder dem Gutdünken ihrer Eltern überlassen sind. Es ist verwirrend, es bleibt verwirrend, es braucht Zeit zu heilen, verdammt lange.

-Anonym

Unfreiwillige Beziehung

Ich war nach langer Zeit wieder single, und hatte mir sogleich Tinder heruntergeladen. Gleich mein erstes Treffen schien ganz gut zu laufen. Er schien ein sehr netter Typ zu sein, ich hab viel gelacht, viel erzählt und wir hatten echt einen netten Abend. Ich sah allerdings nicht besonders viel Potential für die Zukunft, da ich ein paar Wochen später für längere Zeit ins Ausland gehen wollte.

Als ich dann schliesslich weg war, schrieb er mir ständig, obwohl ich mich sehr selten zurückmeldete. Ich hatte eben ein neues Leben woanders und um Kontakt mit ihm zu halten, war er mir nicht wichtig genug.

Als ich nach einem halben Jahr zurückkam, war unser Kontakt wieder etwas intensiver. Für mich war er ein Bekannter, den ich ab und zu traf. “Zufälligerweise” traf ich immer wieder auf Vorträgen und bei öffentlichen Diskussionen auf ihn. Nach denen er mich abfing und ein Gespräch anfing ganz egal ob ich Zeit und Lust darauf hatte. Als das immer öfter passierte, fing es an mich zu stören und ich vermied solche Situationen.
Er fing an bei allen Events aufzutauchen, bei denen ich auch war. Da ich an einem davon selber mitarbeitete und wenig Zeit hatte, er aber sonst niemanden dort kannte, stellte ich ihn meinen Freund*innen vor. Er meinte zu Ihnen, ich sei seine Freundin. Wir hatten derlei nie besprochen, wir hatten nie gefickt, wir hatten uns nie auch nur geküsst oder darüber geredet dass wir uns derlei vorstellen können.
Ein Mann, den ich kaum kannte und um den ich mich nicht sonderlich bemühte, hatte sich also herausgenommen über meinen Beziehungsstatus zu entscheiden. Ganz ohne mich zu fragen. Ich war wahnsinnig wütend. Wusste aber nicht wie ich damit umgehen sollte. Und schrieb ihm schliesslich eine lange Nachricht darüber, warum das ganz und gar nicht ok sei und was er sich eigentlich einbildete.

Er verstand es nicht. Er sah keinen Fehler in dem, was er gemacht hatte. Er sagte, er sei wohl einfach zu nett zu mir gewesen.

– Anonym, weiblich, 26

Arbeitsplatz – Ein Gedicht.

Mein Chef hat mir an den Arsch gefasst.
Zufällig. Natürlich.
Mein Chef hat gefragt, ob er nicht noch mit zu mir dürfe.
Für einen Kaffee. Natürlich.
Mein Arbeitskollege hat detailreich über seinen letzten Fick erzählt.
Man ist ja nicht prüde. Natürlich.
Mein Chef bittet mich über meinen letzten Fick zu erzählen.
Gewöhnliches Thema. Natürlich.
“Zieh doch das ganz enge Arbeits-T-Shirt an”
Es gibt nur noch die. Natürlich.

Ich kündige. Natürlich.
Beschwerde kommt zu spät. Natürlich.
Ich gehe Jahre später noch einen grossen Bogen. Natürlich.

Frauen sind ja so empfindlich. Natürlich.
Mir scheint das alles nicht so natürlich.
Mir fehlen immer noch die Worte. Natürlich.

-Anonym, weiblich, 24